Persönlicher Bericht im Nachklang zur Predigt „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ 26.04.15

Von
/ / 1 Kommentar

Persönlich

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ Johannes 15,5

In einer gläubigen Familie aufgewachsen, habe ich meinen Konfirmationsvers sehr ernst genommen. Die Jahre meiner Jugend und junger Erwachsenenzeit habe ich damit verbracht Jesus von Herzen zu lieben und ihm dienen zu wollen. Was mir damals nicht bewusst war, war, dass ich etwas ganz Entscheidendes außer Acht ließ. Anstelle Gottes, der der Weingärtner ist, gärtnerte ich selbst an mir und gerne auch an den mich umgebenden „Pflanzen“ herum. Ich versuchte selbst alles richtig und gut zu machen. Schließlich wollte ich unter allen Umständen ein guter Christ sein und genauso innig wünschte ich mir für meine Mitchristen, dass sie sich so verhielten, dass Gott mit ihnen zufrieden sein konnte.

Irgendwann machte Gott mir dies einmal klar. „Birgit, du versuchst selbst Gott zu spielen. Für Dich, aber auch für Deine Geschwister. Das sollst und brauchst Du nicht tun. Denn ich allein bin Gott und keiner neben mir!“

Das leuchtete mir natürlich ein. Aber welchen Weg konnte ich dann nehmen? Ich kannte von klein auf nur den Wunsch keine Fehler zu begehen und hatte sehr früh gelernt, wie ein Christ zu leben hat. „Gott, dass will ich ja gar nicht. Hilf mir zu lernen, wie Du mich haben willst. Du weißt, dass ich von mir aus keine Lust zum Bibellesen mitbringe und dass ich nicht gerne bete, und das obwohl ich schon alle möglichen Gebetsprogramme, Glaubenstipps und Lebensumstellungsideen umzusetzen versucht habe. Wie, Gott, wie soll und kann ich leben, dass es dir gefällt? Mach mich zu einer Beterin und schenke du mir Sehnsucht nach dem Lesen in der Bibel.“

Jetzt dachte ich, klappt es. Dass ich in meinen Glaubensüberzeugungen nur immer noch enger und verkrampfter wurde, war mir nicht bewusst. Schließlich hatte ich ja auch eine wichtige Position in der Gemeindearbeit. Ich leitete das Kinderteam. Für die Mitarbeiter und für die uns anvertrauten Kinder und überhaupt alle Kinder hatte Gott mir die Verantwortung übertragen. Und auch wenn ich nicht mehr selber Gott spielte, enttäuschen wollte ich ihn natürlich auch nicht. Also erbat ich mir inständig Worte und Ideen. Ich las von anderen großen Vorbildern in diesem Arbeitszweig. Mein Herz sehnte sich nach dem Wirken von Gottes Geist im Kinderteam. Mein Körper und meine Seele verkümmerten in dieser Zeit, weil ich als Mutter dreier oft kranker Kleinkinder und als von Perfektion getriebene Mitarbeiterin im Reiche Gottes immer wieder meine persönlichen Grenzen übersprang, zuletzt nur noch mühsam. Bis zu dem Punkt, an dem auch mir klar wurde, dass ich krank geworden war.

Gott nahm mir alles, was mich selber am Glaubensleben hielt. Meine Arbeit im Kinderteam, meine Gemeinde und er überließ mich einer langen Zeit schwerster Zweifel und Dunkelheit.

Mein Leben lang hatte ich nur einen unerschütterlichen Glauben gekannt. Ich wusste theoretisch alles über die Fallen, in die Christen tappen können. Wusste alles darüber, wie wichtig ein regelmäßiger Gemeindebesuch ist.

Aber jetzt war ich krank. Und all dies, was mir wichtig war, konnte ich nicht mehr tun. Für mich, die ich immer selbst verantwortlich war, mir einen Platz in Gottes Herzen frei zu halten, eine kaum auszuhaltende Situation. Was blieb mir nun übrig? Die Gebete meiner Glaubensgeschwister hielten mich in dieser Zeit am Glaubensleben.

Ich hängte mich an Jesus. Sein Weg ans Kreuz machte es mir möglich bei ihm Zuflucht zu suchen. Ohne Konzept, ohne etwas zu meiner Verteidigung vorbringen zu können.

Es dauerte einige Jahre bis ich seelisch gesund wurde und noch etwas länger, bis ich auch geistlich heil wurde. Gott war all die Jahre da. Er hat mich durch diese Zeit begleitet. Dass ich heute frei bin, hat damit zu tun, dass der Weingärtner abgeschnitten und fortgenommen hat, was mich damals daran hinderte frei in Gottes Liebe zu mir zu leben.

Wenn Jesus vom Weizenkorn spricht, das erst sterben muss, bevor daraus reiche Frucht erwächst, dann weiß ich aus meiner Erfahrung, dass dieses Sterben nichts von Dir selbst fortnimmt. Du bleibst ganz Du. Du wirst sogar noch glücklicher und freier Du selbst sein. Das, was abstirbt, sind all die Konzepte und Konstrukte, die Du um Dein Ich herum aufgebaut hast, um Gott und/oder Menschen zu gefallen.

Und das, was hinter diesem oft schmerzhaften Prozess auf Dich wartet, ist das pure Ja zu Dir. Ohne Wenn und Aber!

Birgit

 

Frei gehalten

Als ich meinen Platz in deiner Nähe fand,

fand ich

deine Augen, die mich in Liebe anschauen,

dein Ohr, das alles hören will,

dein Herz, das meinen Schmerz fühlt,

deine Hände, die mich halten,

deinen Mund, der verspricht, was er hält.

 

Lange habe ich versucht, den Platz eines Anderen einzunehmen,

weil ich mir sicher war, dass du Menschen wie diesen liebst.

 

Du hast mir gezeigt:

Ich habe meinen ganz eigenen Platz

bei dir.

Und du

hattest ihn und mich die ganze Zeit

für mich

frei gehalten.

 

  1. 5. Juni 2015

    Claudia Leu

    Herzlichen Dank, Liebe Birgit, für diesen berührenden, mutmachenden Bericht!

Kommentieren

Folge uns!