Selbstvergessenheit – Der gesunde Blick auf Jesus

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Gott hat jeden unterschiedlich geschaffen. Der eine ist temperamentvoller, der andere eher in sich gekehrt. Susi ist eine Frohnatur und Herbert schnieft niedergeschlagen in seinen Bart hinein. Der eine grübelt mehr, der andere weniger. Der vorliegende Artikel soll zu Grübeleien tendierende Mitmenschen ermuntern, ihre Aufmerksamkeit von sich weg auf andere Dinge – z. B. das Wort Gottes – zu lenken.Grübelei hat zumeist mit erhöhter Selbstaufmerksamkeit, einer Selbstzentrierung zu tun. Wir grübeln über uns nach. Über unsere Vergangenheit, Zukunft und die Probleme der Gegenwart. Das mag wichtig und richtig sein. Eine sorgfältige Selbstreflexion von Zeit zu Zeit ist sinnvoll. Blauäugig durchs Leben zu rennen, ohne sich und seine Identität gelegentlich zu untersuchen, ist eher schädlich denn förderlich. Zuviel Grübelei jedoch behindert uns auf unserem Lebensweg, wir laufen mit unnötiger Last – gewissermaßen mit angezogener Handbremse auf dem Weg zum Gipfel.

Jeder Grübler darf eine Portion Selbstvergessenheit zu sich nehmen. Selbstvergessenheit ist das Gegenteil der Selbstaufmerksamkeit. Der amerikanische Pastor Piper berichtet, wie ihm auffiel, dass Selbstvergessenheit einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesundheit leisten kann. Er bereitete die Verfassung eines Vortrags über den englischen Poeten und leidgeprüften Christen Cowper vor: „Ich gab mich drei volle Tage – vom Aufwachen bis zum Schlafengehen – dem Leben von William Cowper hin. Diese Tage war ich nahezu vollständig aus mir herausgetreten. Ab und zu bemerkte ich meine Entrücktheit und dann wurde mir bewusst, dass ich vollkommen von dem Leben eines anderen Menschen erfüllt war. Die meiste Zeit aber war ich selbstvergessen. Ich dachte nicht über mich nach. Ich war derjenige, der dachte, aber nicht derjenige, über den ich nachdachte. Diese Erfahrung, wenn sie mir bewusst wurde, erlebte ich als extrem gesund.“

So resümiert Piper: „Geistige Gesundheit ist in großem Maße das Geschenk der Selbstvergessenheit. Der Grund ist, dass Introspektion (die Beschäftigung mit sich selbst; der Blick ins eigene Innere) das zerstört, was für uns am wichtigsten ist: die authentische Erfahrung großer Dinge, die außerhalb von uns stattfinden.“

Die Bibel bestätigt diese Sichtweise: „Da ist nichts, was von außerhalb des Menschen in ihn hineingeht, das ihn verunreinigen kann, sondern was aus dem Menschen herausgeht, das ist es, was den Menschen verunreinigt.“ (Markusevangelium Kapitel 7, Vers 15). Was aus uns selbst herauskommt, das verunreinigt uns. Aus uns kommen negative Gedanken und Bedrückung, Sorgen um den nächsten Tag und lüsterne Vorstellungen. Der ständige Blick nach Innen bringt demnach kaum Vorteile. „Trügerisch ist das Herz, mehr als alles, und unheilbar ist es. Wer kennt sich mit ihm aus?“ (Jeremia, Kapitel 17, Vers 9). Wer sich ständig um sich selbst dreht, dem wird früher oder später schwindelig.

Auch in der modernen Psychologie ist die Fähigkeit zur Selbstvergessenheit ein wesentliches Merkmal geistiger bzw. seelischer Gesundheit. Eine Person mit der Fähigkeit zur Selbstvergessenheit weist folgende Eigenschaften auf: Sie grübelt wenig, ist sorglos und wenig ängstlich. Das Gegenteil wäre eine Person, die um sich selbst zentriert ist: jene grübelt viel, ist besorgt um die eigene Zukunft und führt ein angstgesteuertes Leben.

In einer eigenen wissenschaftlichen Studie, die an der Universität Trier durchgeführt wurde, konnte ein Zusammenhang gefunden werden zwischen Religiosität und Selbstvergessenheit: Wer der Aussage „Jesus ist mein Erretter“ zustimmt, regelmäßig betet und seine Sinnfragen durch den Glauben an Gott beantwortet sieht, ist selbstvergessener als nicht religiöse Menschen. Gläubige Menschen, die ihren Glauben im Alltag fest verankert sehen, sind also selbstvergessener als nicht religiöse Menschen und besitzen damit eine gute Grundlage für ein gesundes Leben.

Wenn wir uns weniger auf uns konzentrieren, so sind wir mutiger, stellt die Psychologie fest. Das ist auch oder gerade für den Christen naheliegend, denn wer von sich weg und stattdessen auf Jesus sieht, ist selbstvergessener. In uns steckt Schwachheit, Unzulänglichkeit und Unvermögen. In Jesus steckt Stärke, Macht und Leben. Sehen wir auf uns, so gehen wir wie der Jünger Petrus in den Wellen unter, sehen wir auf Jesus, werden wir auf dem Wasser gehen.

Die Zitate von John Piper stammen aus „Standhaft im Leiden – John Bunyan, William Cowper, David Brainerd“, 2006, John Piper, CLV Verlag.

Auszüge in Anlehnung an „Plädoyer für mehr Selbstvergessenheit unter Grüblern“, 2007, Michael Bräutigam (Free Church of Scotland, Buccleuch), unveröffentlicht.

Thomas Wehr

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