Notting Hill

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von Christoph Molsberger

Langsam öffnete Irene die Wohnzimmertür. Nur die Stehlampe brannte. Es roch nach Bier. Ihr Blick wanderte durch den Raum, bis zum Sofa. „Dort liegt er! Er hat wieder mal alles so liegen lassen!“, dachte sie und sah ihn traurig an. So wie er da auf dem Sofa lag. Leise schnarchend, im Unterhemd. „Das kommt in letzter Zeit einfach zu oft vor! Er lässt sich gehen“, dachte sie und fing an einige Sachen wegzuräumen. Dann ging Irene leise ins Schlafzimmer, alleine. Sie war müde.

Sie träumte von Notting Hill. Zwei Menschen begegnen sich. Ein Mann und eine Frau. Ist es Zufall? Nein, das Schicksal hat es so bestimmt. Im Herzen dieses Londoner Stadtteils. Irene kannte die Geschichte in- und auswendig. Notting Hill war zum Ort ihrer romantischen Sehnsucht geworden. Sie konnte fast jeden Dialog aus dem Film mitsprechen. Mit ihren Freundinnen zusammen hatte sie ihn schon zigfach gesehen. Hugh und Julia. Alles war gut.

Am nächsten Morgen trafen sie sich am Frühstückstisch. Er bemerkte, dass sie ihn auf diese bestimmte Weise ansah. „Möchtest du noch Kaffee?“, fragte er und hielt die Kanne noch einen Moment länger in der Hand. „Nein, danke!“, sagte sie. Dann saßen sie noch eine Weile so da, ohne viel zu reden. Schließlich sagte sie: „Denkst du bitte an die Einladung, heute Abend bei Krügers?“ Sie zog ihren Mantel an und fuhr ins Büro.

Irene mochte es hier zu sein. Es war ein anderes Leben, ein besseres. Die Arbeit und der oft damit verbundene Stress störten sie nicht. Die Kollegen waren nett, besonders einer. Sie merkte, dass sie in den letzten Wochen noch lieber an ihrem Arbeitsplatz war. Ab und zu kam er aus einem anderen Teil des großen Gebäudes, um Unterlagen zu holen. Irene mochte seine Art. Er war humorvoll und für seine Hilfsbereitschaft bekannt. In der Firma hatte er es schon zu etwas gebracht. Irene hoffte auch diesen Morgen, dass er irgendwann vorbeischaute. Dann kam er. „Irene, ich brauche die Protokolle der letzten Sitzungen.“ Er sagte es sehr freundlich und sie merkte, dass ihr warm im Gesicht wurde. Ihre Kollegin, die gegenüber am Schreibtisch saß, blickte kurz auf, sie lächelte.

Später gingen sie zusammen in die Kantine. Irene und er. Sie plauderten und lachten. Ab und zu trafen sich die Blicke. Ihr war es nicht peinlich. Sie genoss es. Eine Einladung folgte, beim Italiener, übermorgen um halb acht. Sie sagte: „Ja.“ Irene merkte, wie ihr Herz schneller schlug.

Als sie zu Hause ankam, war er nicht da. Sie legte ihren Mantel ab und ging ins Wohnzimmer. Dann ließ sie sich in den großen Sessel fallen. Ihre Gefühle spielten verrückt. Er kam zu spät. „Entschuldige bitte, ich habe ganz vergessen, dass wir noch zu Krügers wollten!“ Irene musste sich nicht ärgern. Eigentlich war es ihr egal. Das schöne Gefühl klang noch lange nach. Sie schlief damit ein. Dann ging sie wieder durch Notting Hill.

Als sie morgens das Haus verließ, schaute sie ihn noch einen kurzen Augenblick an. Er tat ihr Leid. „Was war aus ihnen geworden?“, dachte sie. Später im Auto versuchte sie sich vorzustellen, wie es wohl sein wird, bei dem Abendessen mit dem Kollegen. Die Arbeit fiel ihr schwer. Sie konnte sich nicht richtig konzentrieren. Manchmal reagierte sie gereizt. In der Kantine traf sie ihn. Er lächelte zu ihr herüber. Sie setzte sich nicht an seinen Tisch.

Am nächsten Tag ging Irene nicht ins Büro. Nach dem Frühstück zog sie ihren Mantel an und machte sich zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Vor dem Schaufenster des Reisebüros blieb sie eine Zeitlang stehen, dann ging sie hinein. Abends erzählte sie ihrem Mann, dass sie für sie beide ein Wochenende in London gebucht habe.

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