Der Umweg

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von Christoph Molsberger

Der Wecker klingelte um sieben. Der Mann stand auf, ging ins Badezimmer und machte sich fertig. Er stieg die Treppe hinunter und schaltete die Kaffeemaschine ein. Im Briefkasten steckte die Tageszeitung. Er holte sie rein und las sie. Der Mann mochte es, wenn er noch etwas Zeit hatte, in Ruhe zu frühstücken. Eigentlich war sein Leben in Ordnung, fand er. Er war nicht verheiratet, was ihn manchmal ein wenig schmerzte. Ebenso, dass er keine Kinder hatte. Doch meistens genoss er es, von niemandem gestört zu werden. Eine Stunde später verließ er das Haus. Der Mann hatte ein Geschäft, einen kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen, der einige Straßen entfernt lag. Sein Fahrrad stand neben der Tür. Er stieg auf und radelte los. Auf der Straße fuhr er an einem Rentner vorbei, der in der Nachbarschaft wohnte. Man grüßte sich nicht. „Wohin er wohl geht?“, dachte der Mann auf dem Fahrrad und fuhr weiter. Als er in die nächste Straße abbog, begegnete ihm eine Frau, die einen Kinderwagen schob. Er sah sie fast täglich und bemerkte auch heute, dass ihr Tränen im Gesicht standen. „Warum hat sie geweint?“, fragte er sich und fuhr weiter. Unterwegs traf er die Zwillinge aus der Wohnung, die unter seiner lag. Sie waren auf dem Weg zur Schule. Die beiden hatten fast immer dieselben Sachen an. Ihr Vater kam oft angetrunken nach Hause. Dann erreichte der Mann seinen Laden. Kurze Zeit später schloss er die Ladentür für die Kunden auf. Dieser Tag verlief so wie der Tag davor und der Tag davor.

Der Wecker klingelte um sieben. Der Mann machte sich fertig. Als er nach dem Frühstück sein Fahrrad neben der Tür hervorholte, bemerkte er den platten Hinterreifen. Der Ärger darüber stieg in ihm hoch. Der Mann mochte es nicht, wenn etwas nicht in Ordnung war. Die nächste Bushaltestelle war zu weit weg. So entschied er sich zu Fuß zu gehen. Wenn er zunächst in entgegen gesetzter Richtung entlang eines kleinen Pfades gehen würde und dann schnell über den angrenzenden Spielplatz, könnte er es vielleicht noch rechtzeitig schaffen. Er trat auf die Straße und machte sich auf den Weg. Als er den Pfad erreichte, bemerkte er, dass noch Tau auf den Grashalmen lag. Die Sonne ließ durch ihre morgendlichen Strahlen die Tropfen wie unzählige kleine Edelsteine funkeln. Die Vögel in den Zweigen untermalten diesen Anblick mit einem fröhlichen Konzert. Der Mann freute sich über den Reichtum der Schöpfung. Ein tiefer Friede machte sich in seinem Herzen breit. Dass seine Strümpfe beim Gang durch das Gras etwas nass geworden waren, störte ihn nicht. Dann erreichte er den Spielplatz. Auf einer der Bänke saß die Frau mit dem Kinderwagen, die ihm so oft auf seiner Fahrradstrecke begegnet war. „Ich gehe an ihr vorbei“, dachte sich der Mann. Er richtete seinen Blick nach vorn und beschleunigte das Tempo. „Frage sie mal, warum sie so traurig ist!“, kam es ihm plötzlich in den Sinn. „Das kann ich nicht, ich kenne sie doch gar nicht!“, dachte der Mann. Als er die Bank erreicht hatte, konnte er nicht mehr anders. Er blieb stehen.

„Ich habe bemerkt, dass Sie traurig sind“, sagte er leise. Die Frau reagierte nicht. Sie blickte starr in den Kinderwagen. Jetzt erst bemerkte der Mann, dass der Kinderwagen leer war. Er sah die Frau an. Sie reagierte nicht. Lange standen sie so da. Irgendwann hob die Frau ihren Kopf und sagte mit leiser Stimme. „Es kam zu früh, unser Kind kam zu früh!“ Der Mann nahm ihre Hand und hielt sie. Eine ganze Weile später zog die Frau ihre Hand wieder zurück und legte sie an den Griff des Kinderwagens. Sie schaute den Mann an und flüsterte: „Danke!“ Dann ging sie weg. Der Mann schaute ihr hinterher, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Er war froh, dass er hier gewesen war. Er nahm sich vor auch morgen einen Umweg zu nehmen.

 

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