Die Lichter Gottes

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von Thomas Wehr

Die Lichter Gottes umgeben ihn seit dem ersten Advent. Genau genommen hat er schon das ganze Jahr mit ihnen gelebt. Doch den wahren Glanz von Weihnachtsbeleuchtungsanlagen können Kataloge und Internetshops nicht abbilden. Jetzt steht er auf dem Fußweg vor den Türen seiner Gemeinde und kneift die Augen zusammen, weil es so hell ist. Er sieht auf die Uhr. Es ist fast Mitternacht. Ein langer Tag liegt hinter ihm. Er hat tausend Kämpfe gefochten, Nachbarn haben wegen der Beleuchtung geklagt, wie kann das nur sein, wo doch bald Weihnachten ist.

Er sieht auf die Straße, die dreckige Gosse, das ausgehöhlte Sammelbecken menschlicher Fehltritte, den Highway to Hell. Er denkt: Jetzt müssen sie kommen. Sie können nicht mehr wegsehen.

Der Stromverbrauch ist enorm. Den Diakon für Finanzen hat es glatt umgehauen. Der spricht nicht mehr mit ihm. Tückisch sind eben die vielen Nebenkosten für Starterkabel und Energieverteiler. Daran denkt man nicht gleich. Kein Geld mehr, und die Bestellung der beiden 100-flammigen Buchsbaumsäulen ist nicht mehr rückgängig zu machen. Es wird eine einmalige Sonderspende geben müssen, natürlich anonym, von ihm. Was interessiert ihn der Mammon. Er dient nur einem Herrn, und der heißt anders.

Ein Auto rast an ihm vorbei, unreines Gossenwasser spritzt an ihm hoch, doch er hält stand wie der Prophet Jeremia, und nichts anderes hätte Jesus getan. War er nicht immer dort, wo die Sündigen hausten? Kamen sie nicht zu ihm und baten ihn um Heilung?

Ein wenig pathetisch breitet er die Arme aus. Eine Geste der Einladung und ein wenig des Stolzes: seht die Lichter Gottes. Ehrlich, er fühlt sich wie ein Geist. Niemand nimmt Notiz von ihm. Es ist aber auch keiner da. Es ist zu spät. Für heute. Nur für heute.

Er glaubt, dass am Vormittag jemand von der Presse einige Fotos vom Eingangsbereich der Gemeinde gemacht hat. Gut so, weiter so. Die Leute müssen kommen und jetzt können sie nicht mehr wegsehen. Dem Dekorations-Team, Abteilung Innenbereich, hat er es immer wieder eingeschärft: Licht, Licht, Licht. Wenn er eines in der Gemeinde nicht sehen will, dann sind es Schatten.

Seine Augen schmerzen. Das LED-Licht ist kalt. Er zittert. Müde lässt er seine Arme sinken. Nur nicht zermürben lassen, denkt er. Sie müssen kommen, denkt er. Jesus muss retten. Es sollen keine Menschen mehr verloren gehen. Jesus MUSS retten. O Gott, bitte erbarme dich, auch wenn sie nicht geglaubt hat. Bitte, Gott, bitte, sag mir, ob sie bei dir ist. Der Tod hatte sie getrennt, nur zwei Jahre nach der Hochzeit. Er wird die Bilder von den verfluchten Schatten nicht los, die die alte Birke im Sommer auf ihr Grab wirft. Wo bist du, denkt er und breitet wieder die Arme aus. Aber auch die Geister lassen sich nicht blicken. Er geht in die Knie und versenkt sein Gesicht in der Finsternis der Straße, die seine Tränen ungerührt aufnimmt.

Hey, du“, ruft plötzlich jemand. Erstaunt blinzelt er in die Dunkelheit jenseits der Straße. Dort steht ein Unbekannter und winkt ihm zu. „Komm doch mal her“, ruft der Unbekannte weiter. Nun gut, denkt er, endlich jemand, der gerettet werden will, und überquert die Straße. Selbst auf diese Entfernung kann er das Summen der Trafos hören, die die Lichter Gottes mit Strom versorgen.

Nimm das mal“, sagt der Unbekannte und hält ihm ein Teelicht hin. Er hätte fast laut los gelacht. „Was soll das?“, fragt er den Unbekannten. „Du sollst ein Licht anmachen.“ „Was? siehst du bitteschön mal da rüber. Ich habe bereits exakt 1345 Lichter entzündet, und …“ „Es sind genaugenommen nur noch 1338, denn sieben Lichter haben den Geist aufgegeben. Siehst du, da, bei dem J.“ „Was?“ Er dreht sich um und entdeckt die Unregelmäßigkeit in dem leuchtenden Jesus-Schriftzug.

Bitte, nimm“, beharrt der Unbekannte.

Er seufzt und nimmt das Teelicht entgegen. Daraufhin zündet der Unbekannte das Licht an.Setzen wir uns“, sagt er.

Was, hier auf die dreckige Straße? Wir können dort drüben in meine Gemeinde gehen.“

Bleiben wir lieber hier“, erwidert der Unbekannte.

Und was nun? Was soll das?“

Das Licht, das du hältst, sei deine Seele. Wir bringen sie vor Gott.“

Ich bin bei Gott. Wie sieht es aber mit Ihnen aus?“ wagt er einen zaghaften Versuch, das Blatt zu wenden. Der Unbekannte lacht, setzt sich dann auf den Fußweg. Er nimmt ein weiteres Teelicht, entzündet es und stellt es neben sich.

Und was soll nun das?“

Das sei die Seele deiner Frau“, erwidert der Unbekannte.

Sie ist tot.“

Sie lebt.“

Sie ist tot.“

Sie ist bei Gott. Nun hoffen wir, dass du wieder zu ihm zurückkehrst.“

Aber …“ Ihm fehlen die Worte. Er droht an seinen Gedanken zu ersticken. Er würde dem Unbekannten am liebsten ins Gesicht treten, ihm sagen, er sei ein verfluchter Lügner. „Aber wie kann das sein? Sie hat nicht geglaubt“, hört er sich stattdessen flüstern, mehr zu sich selbst, eine lang verschüttete Hoffnung wiederbelebend. Der Unbekannte sieht ihn lange an, fast berührt er ihn. Für einen Unbekannten, der auf seinen Gefühlen herumtrampelt, eine vollkommen unmögliche Geste der Zuneigung. „Nur Gott“, sagt der Unbekannte, „kann in die Herzen schauen. Bei den Menschen ist es unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Das kennst du doch sicherlich, oder?“

Ja, das kenne ich, denkt er und findet sich im nächsten Augenblick schon langgestreckt auf dem Fußweg wieder. Zitternd stellt er sein Teelicht neben das seiner Frau. Doch plötzlich fährt er wieder auf, wirkt gedrängt und ruft: „Ich bin gleich wieder da.“ Dann läuft er über die Straße. Er will die Lichter löschen. Morgen wird alles abgebaut, beschließt er. Zwei Teelichter sind in langen, dunklen Nächten hell genug, um die Schatten zu vertreiben.

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