Gott – ein Bild im Kopf?

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von Thomas Wehr

Gott ist endlich gefunden! Wir wissen nun, wie er aussieht und funktioniert.

Dies behaupten zumindest Vertreter der sogenannten Neurotheologie. Spirituelle Erfahrungen seien das Produkt von Hirnaktivität. Religiöse Phänomene seien physiologische, psychologische und/oder evolutionäre Beiprodukte. Mittels Hightech-Methoden (EEG, PET, fMRT) suchen die Forscher nach dem sogenannten „Gott-Modul“ und finden es im rechten Temporallappen unseres Gehirns. Ist der Glaube also nur ein Hirngespinst?

Im Jahr 2002 werden diese neuen Erkenntnisse breit in die Medien getragen. Der Spiegel veröffentlicht einen großen Artikel mit dem Titel „Der gedachte Gott“, die Wissenschaftszeitschrift Gehirn und Geist publiziert Entsprechendes unter dem Titel „Wo wohnt Gott?“. Ein Jahr später meldet sich der Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer, mit seinem Buch „Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung“ zu Wort und begeistert nicht nur die Fachwelt – noch im selben Jahr erhält er den auf 50.000 Euro dotierten Communicator-Preis für herausragende Leistungen in der Vermittlung seiner wissenschaftlichen Arbeit in der Öffentlichkeit. Sein Credo ist deutlich: „Wenn man den Himmel leer fegt von lenkenden Göttern, dann nimmt natürlich das Gefühl der Geworfenheit stark zu (…) Ich denke, dass nichts würdiger wäre, als diese Erkenntnis auszuhalten.“ (Singer, 2003, S. 94).

Nehmen wir die Sichtweise der neurotheologischen Schule unter die Lupe: Spirituelle Erlebnisse und Visionen würden durch minimale Schlaganfälle ausgelöst oder seien ein Symptom von Schläfenlappen-Epilepsie.

Nach der Apostelgeschichte (Kapitel 9, Verse 3-9) sieht Paulus ein nicht erklärbares Licht und hört die Stimme einer nicht anwesenden Person. Leidet er unter Epilepsie? Tatsächlich hören die Mitreisenden die körperlose Stimme ebenfalls. Es handelt sich also um eine spirituelle Erfahrung, die sich in nicht nur einem Gehirn abspielte – Epilepsie ist jedoch kaum ansteckend. Auch leidet nicht jeder Mensch, der spirituelle Erfahrungen macht, unter Epilepsie. Vergleichbare Beispiele finden sich in Bezug auf das vom Volk bemerkte leuchtende Gesicht des Mose, nachdem er eine Transzendenz erlebt hat (2. Buch Mose, Kapitel 34, Verse 29-35) und das Pfingstereignis (Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 1-13), bei dem viele eine visuelle und akustische Transzendenz erlebten.

Die Idee, Religion habe sich evolutionär funktional entwickelt, weil sich der Mensch angesichts seiner „Geworfenheit“ in dieser Welt einsam fühle und Trost über die unwiderrufliche Tatsache des Sterbens benötige, steht auf dünnem Eis. Der Soziobiologe Steven Pinker gesteht ein, dass nur eine Minderheit seiner Patienten „Trost“ als Glaubensgrund nennt. Aktuelle Umfragen der Universität Trier bestätigen, dass Religion nicht zwangsläufig mit Trost assoziiert wird.

Das Gottesbild der neurotheologischen Schule zeichnet Gott als eine durch Evolution angelegte Verkettung von Neuronen, die uns vorgaukeln soll, wir seien nicht allein.

Letztlich aber landen auch ihre Vertreter wieder ganz am Anfang: „Was in aller Welt hat Energie dazu gebracht, sich nach dem Urknall genauso in Materie und Elemente zu kristallisieren, wie wir sie in unserer Welt beobachten? Weil ein paar Naturkonstanten genau eingestellt waren?“, fragt Singer (2003, S. 61).

Antworten wir ihm mit dem Propheten Jeremia: „Er aber hat die Erde durch seine Kraft gemacht und den Erdkreis bereitet durch seine Weisheit und den Himmel ausgebreitet durch seinen Verstand.“ (Jeremia, Kapitel 10, Vers 12).

Glossar

EEG. Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns.

fMRT. Bildgebendes Verfahren zur Darstellung aktivierter Strukturen des Gehirns. Bei der Aktivierung durch einen Reiz kommt es zu einer Erhöhung des Blutflusses in dem aktivierten Areal. Durch statistische Verfahren werden die aufgezeichneten Daten aus der Reizphase mit denen aus der Ruhephase verglichen. Der hieraus berechnete Unterschied wird grafisch auf den Gehirnscan projiziert.

Neurotheologie. Die Neurotheologie beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern spirituelle Erfahrungen das Produkt von Hirnaktivität sein können und wie diese Hirnaktivitäten zu verorten und zu beschreiben sind. Im Mittelpunkt steht also die Erforschung der Neurophysiologie religiöser Erfahrungen und – im interdisziplinärem Dialog – ihre Implikationen für die Frage nach der Existenz Gottes. Religiöse Phänomene werden als physiologische, psychologische und/oder evolutionäre Phänomene interpretiert.

PET. Darstellung der Verteilung einer radioaktiv markierten Substanz im Organismus. Dabei werden die Struktur, vor allem aber biochemische und physiologische Vorgänge abgebildet.

Transzendenz. Eine über das Gegenständliche hinausgehende sinnliche Erfahrung mit dem Jenseitigen. Im Christentum spricht man von einem irdischen und einem himmlischen Leben (z. B. 1. Korintherbrief, Kapitel 15). Kontakte zwischen diesen Welten werden als Transzendenz bezeichnet.

  1. 10. Oktober 2012

    Frank

    Ach ja – Neuronen sind nicht verkettet, sondern vernetzt. Und ob der Sinn des Gottesbildes im Trost liegt, sei einmal dahin gestellt. Das ist sowieso mehr ein Versuch, den Glauben demokratisch zu definieren, was mit Abstand noch abwegiger ist, als die neurologische Grundlage des Glaubens zu untersuchen. Demokratisch hinterfragt ist die Schöpfernatur Gottes allemal unpopulär – was unter anderem an dem großen Maß an Chaos liegt, dass wir in diesem Universum erblicken. Gott kann nicht kleiner sein als das Universum, weswegen wir seine Identität mit dem Universum als Mindestmaß der göttlichen Ausdehnung betrachten können.

    Natürlich ist es Unfug zu glauben, dass man mit Neurotheologie auf die Spuren Gottes kommt. Aber das ist prinzipiell bei jeder Theologie so! Das sind alles Versuche eines ’schwindelfreien Höhenfluges‘!

  2. 10. Oktober 2012

    Frank

    Die Bibel ist Literatur und Paulus als historische Figur nicht notwendig irgendwann tatsächlich existent gewesen – genauso wenig wie die Ereignisse, die in den Evangelien beschrieben werden, im wissenschaftlichen Sinne tatsächlich geschehen sein müssen.

    Die Formulierung ‚Gott ist in unserem Kopf‘ scheint etwas provokativ. Es geht vielmehr um unser ‚Wissen von Gott‘, dass natürlich in unserem Kopf ist und als ‚Glaube‘ ein Wissen darstellt, das einen in unserer sinnlich wahrnehmbaren Welt nicht als ‚Ding‘ gefunden werden kann. Das ist trivial und was nun so erschreckend daran sein soll, dass das einzig wahrnehmbare Ding an unserem Glauben sich in unserem Gehirn manifestiert, kann ich nicht verstehen!
    Wäre in unserem Gehirn der Glaube nicht zu finden, müsste man davon ausgehen, dass ein glaubendes Individuum nur eine Täuschung sein kann. Ein Mensch also, der zwar vom Glauben spricht, den Glauben aber nicht wirklich hat. Wir haben Menschenbilder im Kopf, Zahlen, Formen, Gefühle, Ängste und und und – warum sollte ausgerechnet Gott nicht darin zu finden sein? Sind Christen vielleicht fundamentale Atheisten, die glauben, dass Gott dem Menschen nicht schon von der Zeugung an innewohnt, sondern erst durch die praktizierte und gesprochene Religion aus einem an sich gottlosen Individuum ein integrales Mitglied einer Religionsgemeinschaft macht?

    Diese Diskussion ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wieviel unnötiges Blabla wir verursachen dadurch, dass wir unsere ganze Welt in und um und durch Gott erklären wollen.

  3. 25. November 2011

    Manuel

    Nur weil man in der Lage ist, einem Menschen mit ein paar gezielten Elektroschocks glauben zu lassen, er habe Erdbeereis auf der Zunge, heißt das nicht, dass es kein Erdbeereis gibt ;)

    Genau das ist der theologische Wert solcher Studien :p

  4. 2. November 2011

    Thommy

    Hey Thomas, gut, dass ich weiß, dass Du von sowas Ahnung hast ;-) Sehr interessant!

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