Asphalt

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von Thomas Wehr

Drei Tage lang lief er mit einem Stachel im Herzen durch die Straßen Berlins. Der Schmerz war überwältigend. Er konnte nicht schlafen, er konnte nicht wach sein.Er versuchte, sich zu betäuben und zu vergessen. Einmal wachte er in einer Mülltonne auf. Ein anderes Mal war es eine Bar. Man stieß ihn vor die Tür, und er landete in einer sumpfigen Pfütze, auf der grünliche Zigarettenstummel schwammen. Die Kakerlaken fahren jetzt mit Schiffchen durch die Stadt, dachte er, bevor er mit dem Kopf auf dem Asphalt aufschlug und das Bewusstsein verlor.

Am dritten Tag wachte er an der Schulter eines Penners auf. Der Penner hatte ihm einen Mantel umgelegt. Ein säuerlicher Geruch hüllte die beiden ein und er sah, dass er sich während der Nacht mehrmals auf den Mantel übergeben hatte. Wow, dachte er, so tief bin ich gesunken.

Das macht nichts“, murmelte der Penner und deute auf den beschmutzten Mantel. „Der war sowieso hinüber. Werde mir einen neuen besorgen. Hör doch auf zu weinen.“ Ich weine, dachte er, wie kommt der Typ darauf, dass ich weine. Verunsichert fasste er sich ins Gesicht. Doch ja, da war es feucht. Erstaunlich, dachte er fasziniert. Erstaunlich tief gesunken.

Sie waren in der Nähe des Bahnhofs. Er hörte Züge rattern und dachte: Warum schmeiße ich mich nicht davor.

Der Penner befreite ihn von dem beschmutzten Mantel und legte ihm eine saubere Decke um. „Was ist los mit dir? Siehst eigentlich nicht aus wie einer von uns.“

Er schwieg. Er weinte. E r wollte vergessen, was ihm die letzten drei Tage widerfahren war.

Der Penner nickte vielsagend.

Dir fehlt was.“

Stimmt, dachte er und sagte: „Ich ersetzte dir den Mantel. Jetzt gleich.“ Er stand auf und wollte nicht mehr wiederkommen. Wenn dies die Realität war, dann wollte er lieber tot sein.

Der Penner hielt ihn fest.

Warte.“

Er hielt inne und sah den Penner neugierig an.

Ich möchte dir etwas geben.“

Er starrte den Penner ratlos an. Seinen Mantel hatte er ja bereits ruiniert. Was könnte er noch besitzen? Der Penner lachte und sagte: „Ich habe wirklich nichts aber ich kann etwas weitergeben.“ Dann zog er ihn an sich heran und küsste ihn auf die Stirn. Ihm wurde schwindelig. Sterne begannen vor seinen Augen zu tanzen.

Der Herr segne dich“, sagte der Penner fröhlich.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Der Alkohol in seinem Blut und das peinliche Berührtsein brachten ihn ins Schwanken. Der Penner lachte und klopfte ihm auf die Schultern. „Keine Sorge, das mache ich öfters.“

Das machst du öfters?“

Ja klar. Ich bin in diesem Viertel so etwas wie der heilige Pennbruder.“ Der Penner lachte. „So zwei- bis dreimal am Tag.“

Am Tag? Mein Gott!“

Du sagst es, Bruder.“

Ich möchte jetzt nach Hause gehen“, sagte er und riss sich von dem Penner los. Aber ihm fiel nicht ein, in welche Richtung er gehen musste. Unsicher fragte er: „Sollte so was nicht lieber einer von der Kirche machen, ich meine das Segnen und so?“

Hey, das hier ist eine Kirche“, sagte der Penner und tippte auf den Asphalt. „Die Glorreiche Gemeinde der Gestrandeten nenne ich sie. Und ich freue mich, dass du beschlossen hast, sie zu besuchen.“ Etwas leiser setze er nach: „Gott hat vielen Brüdern an genau dieser Stelle das Leben gerettet.“ Und noch leiser: „Das Rauschen der Züge hört sich an dieser Stelle besonders verlockend an, nicht wahr?“

Ich weiß gar nicht, was du meinst, wollte er den Penner anfahren, aber es passierte nicht. Stattdessen sagte er: „Gestrandet.“

Und deshalb“, sagte der Penner, „sitze ich genau hier und fange sie alle ab. Zwei- bis dreimal am Tag. “

Er drehte sich um und ging davon. Am nächsten Tag beobachtete er den Penner aus einiger Entfernung. Es waren drei, denen er seinen Kuss auf die Stirn drückte. Am übernächsten Tag waren es zwei. Er setze seine Beobachtungen den Rest der Woche fort. Drei, zwei, vier, zwei, drei.

Eine weitere Woche später besuchte er die Glorreiche Gemeinde der Gestrandeten ein zweites Mal. Er hatte ihrem Pastor einen neuen Mantel mitgebracht.

Ich will mehr“, sagte er.

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